Jugend, Bildung, Schule: Literaturvermittlung mit Kindern und Jugendlichen

Das geführte GESPRÄCH im Rahmen der Enquete

 

  • Gabriele Stöger

Ist es wirklich so schlecht bestellt um die Literatur? Um das Lesen? Um die Freude am Lesen? Sind wir bei den letzten Tagen der Literatur angelangt?

Die Leitfragen für diese Runde sind:

Was können literaturvermittelnde Einrichtungen in der schulischen und außerschulischen Literaturvermittlung leisten? Was leisten sie gerade und was wäre im Sinne der Partizipation das Ideal?

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  • Andrea Karimé

Ich arbeite auf zwei Ebenen: Als Autorin präsentiere ich meine eigenen Bücher. Ich habe aber auch eine Ausbildung als Geschichtenerzählerin absolviert – ein Zugang, der mir ebenfalls sehr wichtig ist. Meine Angebote richten sich an Kinder ab 4 Jahren. Es ist wichtig, mit ihnen in Kontakt zu treten: Kinder lieben es, Geschichten erzählt zu bekommen. Ich binde bei meinen Veranstaltungen meine Zuhörer/innen in die Geschichte ein. Im Erzählen kann sich z.B. die Handlung ändern. Dann findet vor Ort ein Identifikationsprozess statt. Ich brauche da nicht viel tun. Wichtig ist nur, dass die Kindergruppe bei der Erzählsituation nicht zu groß ist. Unter diesen Rahmenbedingungen habe ich eigentlich kein Problem von fehlendem Interesse. In Schulkassen verfahre ich ebenso.

  • Gabriele Stöger

Haben Sie einen Bruch bei unterschiedlichen Altersstufen erlebt? Gibt es Zusammenhänge zwischen dem System Schule und dem Interesse an Texten und dem Erzählen?

  • Andrea Karimé

Ich arbeite in der Regel mit Kindern bis 10 Jahren, und da kann ich das nicht feststellen – außer dass ich beobachte und aus eigener Erfahrung als Lehrerin weiß, dass der Schulunterricht sehr viel kaputt macht. Da ist es wichtig, dass Autorinnen und Autoren mit sehr viel Begeisterung in die Schulen gehen, um über ihr Erzählen anstecken zu können.

Der andere Teil meiner Arbeit ist: Ich erfinde Geschichten mit Kindern. Hier ist wichtig, dass alles Mögliche als Geschichte bezeichnet werden darf, auch wenn es nur zwei Sätze sind.

  • Gabriele Stöger

Das Literaturhaus Stuttgart hat 1.000 Mitglieder und Freunde, die die Arbeit des Literaturhauses unterstützen. Es gibt ein Lokal und eine kleine Buchhandlung. Das Literaturhaus hat sich zu einem lebendigen Ort der Begegnung entwickelt: Wie ist das gelungen?

  • Erwin Krottenthaler

Unser Etat umfasst ungefähr eine Million Euro und ca. 17 % davon sind öffentliche Förderungen. Für die Gründung und den Kauf des Hauses hat sich eine Bürgerinitiative gegründet und da kamen von Klein- bis Großspenden 3 Millionen DM zusammen.

Auf diese Gründungsphase geht die Größe des Trägervereins zurück. Das Stuttgarter Literaturhaus ist ein sehr in der Stadt verankertes Haus. Die Hauptprotagonisten/innen bei der Entstehung waren Verlage und Zeitungen, aber auch Banken und Einzelpersonen. Diese waren von Anfang an in die Gründung des Hauses involviert und davon leben wir sehr stark. Der Standort, sehr zentral in der Stadt, ist zudem ideal.

Das Programm „Schreiben mit Jugendlichen“ geht zurück bis in das Jahr 2001. Seit 2013 versammeln wir alle Aktivitäten, die wir im Bereich Bildung im weitesten Sinne unternehmen, unter dem Dach eines literaturpädagogischen Zentrums.

Ganz konkret bieten wir eine zweijährige Weiterbildung für Deutschlehrer/innen aller weiterführenden Schularten aus ganz Baden-Württemberg an. Aktuell nehmen daran 62 Lehrer/innen teil, die über einen Zeitraum von zwei Jahren an 21 Tagen zu uns ins Haus kommen. Im ersten Jahr steht das Schreiben von eigenen literarischen Texten im Mittelpunkt der Arbeit. Dieser Prozess wird wissenschaftlich didaktisch mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen etc. von der Universität Bamberg begleitet.

Am Ende des Jahres sollen Konzepte stehen, die von den Teilnehmer/innen im eigenen Unterricht umgesetzt werden können. Im zweiten Jahr begleiten wir sie dann bei dieser Umsetzung in ihrem Unterricht. Nach zwei Jahren bekommen sie von uns und von der Universität ein Zertifikat. 

Diese Weiterbildung ist eine freiwillige Sache. Von diesen 21 Tagen finden 10 Tage an Samstagen statt. Die Lehrer/innen müssen Reise-und Übernachtungskosten und für die zwei Jahre 500 Euro Teilnahmebeitrag zahlen. Das funktioniert sehr gut.

  • Gabriele Stöger

Sie ermutigen die Lehrerinnen und Lehrer sehr dazu, die Freude an der Literatur über das eigene Schreiben wiederzubekommen.

  • Erwin Krottenthaler

Beispielsweise kommt im Deutschabitur die Form Essay vor. Nur haben Lehrer/innen oft noch nie selbst einen Essay geschrieben, da es diese Möglichkeit in der Lehrerausbildung kaum gibt. Wir versuchen die Teilnehmer/innen wieder dorthin zu bekommen, wo sie vielleicht einmal standen, als sie das Fach Deutsch in Hinblick ihres Studiums wählten: nämlich die Lust und Freude an Literatur, an Sprache, die sie vermitteln wollen.

  • Gabriele Stöger

Karin Haller: Sie setzen sich für eine neue Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche ein. Worum geht es Ihnen dabei vor allem?

  • Karin Haller

Zwingende Voraussetzung für eine gelungene Literaturvermittlung an ein junges Publikum ist die Kenntnis von aktueller Kinder- und Jugendliteratur. Ich habe immer wieder mit Gesprächspartnern/innen zu tun, die meinen, etwas über Kinder-  und Jugendliteratur zu wissen, weil sie als Kind ein Buch gelesen haben. Ihre Kenntnis endet dann auch mit der Literatur der 1960er und 1970er Jahre. Seither hat sich jedoch viel verändert!

Die Begriffe „Partizipation” und „Interaktion”, die beim allgemeinen Publikum eher fakultativer Natur sind, sind bei einem jungen Publikum zwingende Voraussetzung. Das heißt: In einer Veranstaltung sollten die Kinder bzw. Jugendlichen mitreden und in irgendeiner Form aktiv teilnehmen können. Die Herausforderung dabei ist: Was die Formatentwicklung bei der Veranstaltung angeht, sind der Kreativität und Innovation irgendwann Grenzen gesetzt. 

Die beiden Zielgruppen „Kinder“ und „Jugendliche“ kann man im Vermittlungsbereich übrigens nicht in einem Atemzug nennen. Kinder im Volksschulalter können in einer Veranstaltung noch wesentlich leichter begeistert werden als Jugendliche. Wir haben es heutzutage natürlich mit einer sich ständig verändernden Mediennutzungsrealität zu tun. Ein Beispiel: Die jungen Lesenden und die Autoren/innen bauen ihre Community über das Netz auf und da verändert sich unheimlich viel. Das sind die Rahmenbedingungen und die Konstellationen, vor denen die aktuelle Literaturvermittlung für Jugendliche steht.

Die bewährten Formen müssen sich weiterentwickeln, und wir brauchen, wie z.B. in dem Format „Literatur für junge LeserInnen“, Autoren/innen, die nicht nur gut vorlesen können, um das junge Publikum zu fesseln, sondern authentisch mit dem Publikum in Interaktion treten.

Gute Erfahrungen haben wir mit Kontinuität, also langfristig durchgeführten Angeboten,  gemacht: speziell bei Jugendlichen. Wichtig ist, eine große Bandbreite zu zeigen, damit Kinder und Jugendliche nach ihren individuellen Bedürfnissen auswählen können. Es ist wichtig, auch qualitativ gute Unterhaltungsliteratur, Krimis, Thriller, Fantasy, in das Angebot zu inkludieren.

  • Gabriele Stöger

Was sind derzeit die aktuellen Ziele der Literaturvermittlung? – Kinder und Jugendliche dahin zu leiten „das Richtige“ zu lesen? Sie überhaupt zum Lesen zu motivieren? Oder sie ganz einfach für etwas zu begeistern?

  • Andrea Karimé

In der Volksschule hat man ja auch nicht nur begeisterte Kinder, wenn man Schreibwerkstätten anbietet. Um sie zu begeistern, muss man selbst sehr viel investieren.

Da muss das Ziel erst einmal sein, zu zeigen, dass Sprache etwas ist, das positiv besetzt wird. Das gilt ebenso für den Umgang mit Sprache: Wir müssen zeigen, dass sie Material sein kann und nicht nur Inhalt irgendwelcher Arbeitsblätter.

Die vorhandenen Potentiale der Kinder, was Sprache angeht, gilt es zu nutzen. Sprache ist bei ihnen oft ein Mix. Sie müssen ihre eigene Sprache entwickeln und finden dürfen. Und sie haben oft ihre eigene Sprache – ihre eigene Kinderästhetik, die genutzt werden muss. Kinder lesen zum Beispiel gerne, was andere Kinder geschrieben haben.

  • Gabriele Stöger

Wie geht der Sprung von: „Ich schreibe gerne“ zum Lesen?

  • Erwin Krottenthaler

Neben unserem Fortbildungsprogramm für Lehrer/innen arbeiten wir direkt mit Schüler/innen. Beispielsweise schreiben wir mit ihnen klassische Stoffe wie Goethes „Faust“ und Homers „Odyssee“ um oder adaptieren Schillers „Wilhelm Tell“ als Comic.

Das gemeinsame Produzieren von Texten und das Abarbeiten an vorgegebenen Texten stärkt das Selbstbewusstsein enorm. Es kommt zu einer prozessorientierten Arbeitsform, die im Rahmen des Deutschunterrichts auf diese Weise nicht üblich ist.  Zudem sind Lehrkräfte im Fach Deutsch in diese Richtung nicht ausgebildet. Es ist nicht zwingend notwendig, dass sie selbst eigene Schreiberfahrungen haben. Für einen Musiklehrer ist es im Vergleich fundamental, dass er ein Instrument spielen kann. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Fach Deutsch wesentlich von anderen, den sogenannten musischen Fächern.

  • Gabriele Stöger

Es geht also viel um das Erfolgserlebnis, das man beim Schreiben, also beim Tun, eher bekommen kann als beim Lesen. Wie ist das Erfolgserlebnis beim Lesen zu vermitteln? 

  • Karin Haller

Ich möchte noch auf einen weiteren Begriff eingehen: die „Respezifizierung”. In der Vermittlung werden wir bei Jugendlichen nicht erfolgreich sein, wenn wir verzweifelt versuchen, mit dem Erlebnis „Lesen“, also Buchlesen, das Erlebnis „Internet“ nachzuahmen. Buch und Internet sind verschiedene Medien. Es gibt zwischen ihnen keine Konkurrenzsituation, außer in Bezug auf das Zeitbudget. Kinder und Jugendliche, die gerne und viel lesen, nutzen genauso gerne andere Medien. Die Literaturvermittlung sollte sich daher auf ihre Stärken besinnen: Auf ihr Erfolgserlebnis, sich von einem Text emotional angesprochen zu fühlen. Das ist der Schlüssel einer gelungenen Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche.

  • Gabriele Stöger

Wo findet der Diskurs über das, was man gelesen hat, statt?

  • Karin Haller

Kinder tauschen sich wenig aus. Jugendliche hingegen lieben es und nutzen hierfür sehr viel das Internet.

  • Gabriele Stöger

Frage an die Runde: Ich bitte um einen Ausblick – Wie sehen Sie die Zukunft der Literaturvermittlung, die doch als Zentrum das alte Medium Buch hat. Geht´s gut weiter?

  • Andrea Karimé

Kurz noch zur vorangegangenen Frage: Ich sehe das überhaupt nicht so, dass man mit Kindern über Gelesenes nicht diskutieren kann. Im Netz nicht, sonst natürlich schon.

Ich komme aus Deutschland, und da dürfte der Erfahrungshorizont mit Kinderliteratur ein etwas anderer sein. Ich mache die Erfahrung, dass vor allem die Produktionsbedingungen in Deutschland andere sind als hier in Österreich – speziell wenn es um den literarischen Aspekt geht. Was die Kinder-Trivialliteratur betrifft, ist Deutschland ganz groß. Große Verlage kaufen kleine auf und da werden die Inhalte und Produktionsbedingungen vorgeschrieben. Was das angeht, bin ich für zukünftige Entwicklungen eher skeptisch. Was die Literaturvermittlung angeht, ist es wichtig, sich klar zu machen, welche Möglichkeiten man in den ersten Ausbildungsjahren oft vergibt.

Ich glaube nicht, dass Kinder kein Interesse an Büchern haben. Bei einem außerschulischen Projekt, das ich initiiert habe, fanden die Kinder vor allem interessant, dass ein Text ein Geheimnis bewahren darf. Man muss den Text nicht verstehen. Diese Erfahrung kannten sie aus dem Unterricht nicht. Das Interesse an einer Kunstsprache ist bei mir durch die Eigenproduktion gewachsen. Es geht mir um das künstlerische Potenzial der Kinder, ihr klangliches Interesse an Sprache zu wecken. Bei Kindern ist Wiederholung, Kontinuität und eigene Produktion wichtig.

  • Erwin Krottenthaler

Mir geht es darum, das Arbeitsfeld Literaturvermittlung mit Kindern und Jugendlichen in einer Struktur, wie in einem Literaturhaus, zu verankern und zu verorten. Es ist z. B. nicht selbstverständlich, dass bei einer Tagung zur Literaturvermittlung wie dieser eine Sektion zu Bildung und Schule auf der Tagesordnung steht.

Der Kinder- und Jugendbereich läuft meistens in Projekten mit und ist in den meisten  Literaturhäusern kein anerkannter Schwerpunkt. Mein langfristiges Ziel wäre es daher, dass es selbstverständlich wird, dass die Säule Literaturpädagogik zur Programmatik eines Literaturhauses gehört.

Mein Anliegen für das Literaturhaus Stuttgart ist momentan, dass  wir aus der Projekt- und Stiftungsförderung herauskommen. Dass wir öffentlich anerkannt und gefördert werden und damit neue Themenfelder erschließen sowie mit neuen Zielgruppen projektgefördert arbeiten können.

  • Karin Haller

Der Markt wird schwieriger. Die Produktionsbedingungen für die Autoren und Autorinnen werden schwieriger. Es gibt immer weniger Kinder- und Jugendbuch-Verlage. Kinder und Jugendliche lesen immer mehr Mainstream usw. – So gesehen wäre das Glas halbleer.

Halbvoll ist es, weil es immer wieder sehr positive Erlebnisse im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen bei Projekten gibt. Wenn ich bei einer Veranstaltung mit 50 Kindern eines erwische, bin ich auch schon glücklich.

Es gibt nach wie vor sehr engagierte Autoren/innen und Verlage. Es gibt in ausreichendem Maß tolle, qualitativ hochstehende Kinder- und Jugendbücher. Und der Ausblick in die Zukunft: Es wird weiter gelesen werden und das Trägermedium – analog, audio oder digital – ist mir dabei egal. Ich glaube, dass Literaturvermittlungsinstitutionen immer wichtiger und unverzichtbarer werden. 

 

Fotos: mitSprache/Lukas Dostal

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